
1990, nach dem Fall der Mauer, besuchte ich den kleinen Ort Birx in Thüringen, der direkt an der Grenze zum Westen lag. Zwei Zäune im Westen und früher noch ein Zaun im Osten – Birx lag in der Sperrzone zwischen drei Zäunen, dem 500 Meter Schutzstreifen.

Die Bewohner lebten, je nach politischen Großwetterlage, mit ständiger Ausweiskontrolle, Zureiseverbot, Besuchsanträgen, Sperrstunde, Spitzelangst ... und blieben doch ....

Ich führte viele Gespräche mit den Menschen in Birx, darunter ein Grenzsoldat und die damalige SED-Bürgermeisterin. Man erzählte mir vom Zaun, der das Leben bestimmt hatte.

10 Jahre später kam ich wieder, um die Änderungen festzuhalten. Wieder erzählte man mir vom Zaun, der so lange das Leben und Sterben bestimmt hatte. Die Texte sind Auszüge aus den Interviews von 1990 und 2000.

... im Anfang werden die sicherlich irgendwie geschockt gewesen sein: den Zaun so dicht dabei! Aber im Laufe der Jahre hat man sich dran gewöhnt und hat gelernt, mit dem Zaun zu leben ... die haben den nicht mehr gesehen!

... Ausweis! Also man mußte immer Ausweis ... das mußt man immer dabeihaben, von einem Haus zum anderen.

... wissen Sie, was ich immer sag: Der Zaun war nicht das Schlimmste, man hat sich auch daran gewöhnt, der Zaun war nicht das Allerschlimmste, was wir so erlebt haben. Da gabs schlimmere Sachen.

... ja wenn man heiratet, kommt meistens ein bißchen mehr Verwandtschaft - da haben sie auch bei meinen Eltern den Zeitraum gekürzt: Die sollten 14 Tage kommen, da haben sie mir 4 Tage genehmigt, aber der Hochzeitstermin lag in den 4 Tagen nicht drinnen.

... wir haben ein paarmal das Schloß gehört, das Schloß von der Kalaschnikow, wenn geladen wird, wenn se gespannt wird ... ich sach dir, du, des war net ganz einfach ...

Da standen Posten, von Dorf zu Dorf, da standen immer ein paar Posten. Und immer Kontrolle - also ohne Ausweis, das war schlimm - also da konnt man eher das Portemonnaie vergessen, aber ja nicht den Ausweis!

Und wenn man nach Frankenheim fuhr – nüber Kontrolle, heimzu Kontrolle, immer Kontrolle!

... 500 Meter Schutzsstreifen war das hier... das war direkt, ne ... wir warn ja direkt ... da warste ja nimmer ... wie soll ich sagen ... da warst du ein Staatsfeind! Da bist du als Staatsfeind geführt worn!

... und vor allen Dingen die Angst ...

... aber nachher hab ick det selber mitjekriegt, man sieht ihn dann gar nicht mehr - er gehört praktisch mit dazu, der Zaun ...

... durften aber nicht in Birx fußballspielen, weil det hier nicht erlaubt war! Wir durften ja die Mannschaft nicht in den Schutzstreifen bringen!

Da war der hohe Zaun noch net. War Stacheldraht früher, da konnt ma auf Schleichwegen noch so nachm Westen. Ja, und da hat ma a bißchen geschmuggelt, jeder hat das gemacht ... da gabs ja im Westen auch noch nicht alles ...

... wie der Zaun dann zuging, war aus, da ging nix mehr. Und da war auch ... war da abends... n Tor dran, war abends zugschlossen ... und es hat sich ja keiner gewagt, überhaupt in die Nähe ... an den Zaun zu kommen, des war schon verdächtig.

... es war sehr streng hier, und die Grenzer waren immer da ...

... aber vergessen kann man das nicht - kann man nicht vergessen ...

... die Splitterminen, das waren Drähte am Zaun runterwärts, wenn da die Kühe dran sind, hats gekracht: Da hat ein Stück vom Zaun gefehlt ... und ein paar Stück Fleischbrocken in der Ecke gelegen ...

... ja, sie können kommen, aber nicht in die Sperrzone! - nach Meiningen, im Höchstfall Kaltennordheim! Und unser Dorf, am Sonntag war das wie ausgestorben.

Die Birxer selber, die dort unten gewohnt haben, die konnten an und für sich überall hin - bloß daß eben um die Ortschaft von drei Seiten der Zaun war - und wie gesagt: Über den Zaun konnte keiner! ...

... dann bist du ausgewiesen worn, dann bist du hier weggekommen - verstehste ... da hat jeder Angst gehabt davor, verstehste ...

... ich sage, die Schnelligkeit war entscheidend: Wer schnell war, hats gepackt, und wer langsam war - und vielleicht auch Angst hatte ...? Wenn sich da einer das Ziel setzt, über die Grenze zu gehen, dann nimmt er auch das Risiko in Kauf, draufzugehen.

... ick hätt mir det ehrlich jesacht nich so vorgestellt, dat es so ... so ... na ja ... daß ... solche Machenschaften eben jeherrscht haben. Man hat immer doch irgendwo jedacht, det isset, ne ...

... ich sach dir, du, des war net ganz einfach ... das war net ganz einfach! ... Du kannst dir des net vorstellen, Du kannst dir des net vorstellen, vorstellen kannste des net!

Die Ortschaften, die jetzt zwischen den Zäunen standen - da gibts ja nun gerade hier in dem Bereich genug - die sind im Prinzip liquidiert worden im Laufe der Jahre.

... und Anfang der 60er Jahre, sind ja 4 Familien zwangsausgesiedelt worden ... Landwirtschaft haben die gemacht, und Musikkapelle waren sie dabei, das waren anständige, tüchtige Landwirte ...

... die haben auch nichts Unrechtes gemacht oder gesagt, nur die hatten einen Feind im Dorf ...

...ich wollts zuerst nicht glauben, weils so streng war bei uns. Ich hab gesagt, wenn sie überall aufmachen, bei uns net. Ma wollt es nicht ... da standen aber auch schon, standen schon Westautos da unten ... da wollt ichs immer noch nicht glauben ...


