Nasses Gift — Das vorletzte Jahrhunderthochwasser an der Elbe 2002 
Die Bilder entstanden durch analoge Schichtübertragung vom Abzug auf Aquarellpapier

Es ging alles sehr langsam. Erst stand es noch an den Bäumen vor dem Gartenzaun, unbewegt und träge. Aber dennoch konnte man es steigen sehen. Ich arbeitet mit anderen Freiwilligen an einem Damm aus Sandsäcken vor dem Ort Menz bei Magdeburg. 
 

Einige Stunden später erreichte das Wasser schon das kleine Gatter, durch das man auf die Wiese gehen konnte, die jetzt ein See war, ein See, der fast bis zum Horizont reichte. Abends plantschte ein Reh hektisch im Wasser, mit panischem Blick ... 
 

... direkt neben der Straße, auf der noch am Nachmittag eine lange Reihe von Fahrzeuge gestanden war. Und das Wasser stieg.  
 

Jeder, der Zeit hatte und einen fahrbaren Untersatz, wartete in einer langen Schlange, beladen mit Sandsäcken, irgendwelchen Säcken, Postsäcken, Plastiksäcken, Mülltüten, alles, das sich mit drei Schaufeln Sand füllen ließ. Und das Wasser stieg weiter.  
 

Eine Senke von 16 qkm Fläche lief voll Elbe, durch einen kleinen Bruch im Damm des Umflutkanals von Magdeburg, ein Brüchlein, keine 8 Meter breit. 
 

Klein-Gübs und Königsborn waren schon “abjesoffen”, das Wasser schoß nicht auf Menz zu wie in Grimma, es stieg einfach, zaghaft, unspektakulär, langsam, fast unverschämt langsam. Unsichtbar. 
 

Genauso unsichtbar wie die Fracht, die es auf den Feldern und Weiden verteilte und ablud. Dieses Wasser war durch die Kanalissation von Prag und Dresden geflossen, über chemieverseuchten Boden bei uns und im Nachbarland Tschechien. 
 

Das Umweltbundesamt hatte dem Fluß Wasserproben entnommen, die Untersuchung würde eine Woche dauern, hieß es von offizieller Seite. Eine Woche für ein paar Stunden Laborarbeit? 
 

In Prag wurde schon gewarnt vor dem Kontakt mit dem Wasser, dichte Kleidung solle man tragen, Gummistiefel, die Hände desinfizieren vor dem Essen, die Hilfskräfte wurden geimpft. Die Felder bei Magdeburg wurden nicht geimpft. 
 

Drei Tage später stand ich in Seehgrena, es stank nach den 70.000 Litern Heizöl, die allein hier ausgelaufen waren. Jedes Rinnsal zog einen schillernden Schleier mit sich, in Regenbogenfarben, bräunliches Wasser mit einem buntem Überzug wie Zuckerguß ... 
 

... lief durch den Ort, über die Hauptstraße, an den Gärten der kleinen Häuser vorbei oder drüber hinweg auf die Felder zu, auf denen der Mais stand. Die Giftfracht der Elbe, in normalen Zeiten schon groß genug, hat ein nie gekanntes Ausmaß erreicht ... 
 

... und hat sich kilometerweit ins Umland ergossen, auf dem unsere Nahrung wächst. Die Wasserflächen habe ich grün eingefärbt — Gift kann man ja sonst nicht sehen!